Halle Lujah…
09.12.2011…ich lebe noch. Dank modernster Schlafmethoden und einer ausgeklügelten Liegetechnik, bin ich heute Morgen zwar geistig behindert, aber ansonsten fit, ausgeschlafen und beschwerdefrei. Bei klarem Himmel und Minusgraden rollen wir früh am Morgen auf den Hinterhof der Steintor-Venue. Der Bus – das riecht man sogar noch besser, wenn man kurz draußen war – hat ein strenges Wald- und Wiesenaroma. 14 ausgewachsene männliche Exemplare domestizierter Primaten auf engem Raum, hinterlassen eine Menge Duftstoffe. Da werden Kleinstreviere per Droh-Furz und Gebärden-Rülps markiert. Würde man ein hochempfindliches Mikro aufbauen, könnte man alle 3-8 Minuten aus irgendeiner Koje ein leises, zufriedenes „Pffft…“ hören.
Wer wach ist, bleibt nicht länger im Bus, als er muss. Gegen 8 sind alle in der Halle in Halle. Mein Tag beginnt gemächlich – Dusche, Kaffee, Croissant (mit Nutella) – und nimmt dann langsam Fahrt auf. Schreiben, Fotos auswerten, E-mails beantworten, beständigen Skype Kontakt halten mit meinen Helfern im Hintergrund. Till erklärt mir per Ferndiagnose, was es mit „Twitter“ auf sich hat. Ehrlich? Echt? Das finden Leute gut? Ist das nicht ein wenig albern, dieses Gezwitscher? Gut, ich bin dem gegenüber aufgeschlossen – habe ja selber nicht viel mehr, als ein Spatzenhirn – aber ob sich´s wirklich lohnt? Ich pflanze ein Probe-Posting ins Netz und warte ab, was passiert. Nix passiert. Ich checke Stephans Facebook Page und sehe ein Foto von einem Fan und mir, was noch keine 5 Minuten alt ist und soeben draußen vor der Halle geschossen wurde, als ich von der Apotheke kam und in einen Hinterhalt geraten war. Außerdem wollen wir heute unsere lebhaft diskutierte QR–Aktion durchführen. Dazu bedarf es einer aufwendigen Vorbereitung. Obendrein muss die Band mal schnell 100 DVDs signieren, was sie auch tut. Ohne zu murren. Die Laune ist gut bis sehr gut.
Gegen Mittag, ich freue mich gerade über die vielen positiven und netten Postings bezüglich meines Karlsruhe Berichtes, trifft Stephan und mich der Schlag. Unser Tourstart wird von einem tragischen Zwischenfall überschattet, als wir erfahren, dass eine unserer besten Freundinnen in Berlin bei einem Unfall schwer verletzt wurde. Wir beide sind unglaublich traurig darüber und wissen erst mal nicht weiter. Stephan muss ein paar Runden alleine über den Parkplatz laufen, um sich zu sammeln und ich glotze auf mein Laptop. Das kann es doch gar nicht geben. Das darf doch nicht sein. Je mehr ich darüber nachdenke, umso trauriger werde ich. Ich kann es einfach nicht fassen. Ich hoffe so sehr, dass sie wieder gesund wird. Für ein paar Stunden weiß ich nicht weiter…

Zwischen Ingrid Steeger, Kiss und Jogging Hosen Cindy. Dirk, JC, Stephan und Henning. Kurz vor Showstart. © E. Hartsch
Zum späten Nachmittag hin, nimmt die Hektik zu. Ich bin bemüht den Überblick nicht zu verlieren. Gästelisten müssen angelegt und abgeglichen werden. Teilnehmer einer Gewinnkation, von der ich bis vor drei Tagen noch nichts wusste, müssen in Empfang genommen, betreut und behutsam wieder ausgesetzt werden. Die Aktion mit dem QR Code fängt an, mir auf die Nerven zu gehen. Das Netz ist lahm und ich muss mich ständig neu einloggen, um Dinge auszuprobieren, zu laden, zu löschen und neu zu laden. Irgendwann machen David K. (in Essen) und ich (in Halle) einen ersten Test und siehe da: Es funktioniert nicht. Scheiße. Meine Laune ist miserabel. David rettet mir den Arsch, in dem er blitzschnell und effektiv „irgendetwas im Netz“ macht und so dafür sorgt, dass „es“ doch funktioniert. Ich bin gespannt. Kurz vor 5. Ich schaue auf mein extra für diesen Zweck eingerichtetes Mail Account und kann sehen, wann die Türen der Halle aufgehen, denn augenblicklich nach Einlass beginnen Smartphone Besitzer im Eingangsbereich den Code zu scannen und somit mein Account zu fluten. „Pling, Pling, Pling“. Die Mails tröpfeln jetzt im 10 Sekunden Takt. Innerhalb kürzester Zeit sind´s ca. 70 bis 90 Stck. Ich habe nicht soviel Zeit und muss mir nun langsam eine Auswahltechnik einfallen lassen. Das ist relativ einfach. Alle Mails sehen gleich aus, haben eine no-reply Adresse und „qr code“ in der Betreffzeile stehen. Ich klicke einfach 4 an und sage ihnen per SMS, dass sie gewonnen haben. Kurzer Hinweis: „Timo89“ nur, weil Du 8x hintereinander scannst erhöhen sich Deine Gewinnchancen nicht. Heute gebe ich 4 handsignierte DVD´s an vier Gewinner. An 2 von 4, denn die anderen 2 erscheinen nicht. Ich versuche die Leute anzurufen, aber sie haben ihr Handy nicht am Start. Noch nicht mal die Mailbox. Das ist natürlich die hohe Schule. Erst scannen, dann das Handy ausschalten. Herzlichen Glückwunsch „Sascha“!
Was die Nicht-Smartphone-Besitzer angeht, kann ich mich nicht so lange aufhalten. Ich gehe in die Halle und spreche Leute an: „Zeig mir mal Dein Telefon! Wow, was für eine alte Gurke, genauso wie meins. Hier haste ´ne DVD!“ Das war das. Was kommt als nächstes?
Stephan bekommt Besuch von Nick und Alex, Bassist und Gitarrist der Scarlets. Die beiden sind komplett euphorisch. Zum ersten Mal in Deutschland, keine Mark in der Tasche und in viel zu dünnen Klamotten für die Temperaturen. Zwei Pilgerer aus dem fernen Australien, die nicht glauben können, dass sie mit dem Weidner an einem Tisch sitzen. Ist für die wie eine Papstaudienz. Außerdem gibt Stephan dem Internet Portal punkrocknews.de noch ein langes und ausgiebiges Interview. Geht mal in den nächsten Tagen auf die Seite und schaut´s euch an.
Das Publikum heute Abend ist sehr jung. Eine Menge Onkelzshirts. Die Chöre gehen schon lange vor der Show los. Besonders gut gefällt mir: „Steeeeephan Weidna – unseinebänd!“ Aber zunächst rocken Eschenbach ihr Tourdebüt und machen das – ich habe die bisher noch nicht live gesehen – erstaunlich routiniert. Ein gesunder Mix aus ihren beiden von Stephan produzierten Alben. Wer die 5 noch nicht gesehen hat, kann sich auf eine steife Brise einstellen. Die blasen die Halle anständig durch, bevor es weitergeht.
Was den W, den Henning, JC und den Dirk angeht, wird sich die Setlist ja sicher schon rumgesprochen haben. Kein Grund also, das Teil noch länger zu verheimlichen. So sieht´s aus:
Leinen los
Ihr habt Recht
Stille Tage im Klischee
Heiss
Geschichtenhasser
Gedanken können lernen
Stürmische See
Gewinnen kann jeder
Bitte töte mich
Urlaub mit Stalin
Machsmaulauf
Es scheint als sei
Liebensbrief
Schatten
Nein, Nein, Nein
Du kannst es
Schlag mich
An die, die wartet
Was ist denn hier nicht los
Der W. Zwo Drei
Ein Lied für meinen Sohn
Mein bester Feind
Wie oft nach einem ersten Gig, ist Stephan nach der Show nicht so richtig mit sich zufrieden, weiß aber auch, dass sich das spätestens nach der zweiten Show ausbügelt. Außerdem betrachtet er sich verschwitzt und halb nackt im Spiegel und entscheidet, dass er sich jetzt doch ein Sixpack implantieren lassen möchte. Koste es was es wolle. Von hier nach Magdeburg ist es nicht weit. Man lässt sich Zeit. Wir vertrödeln den Rest des Abends in und vor der Halle, im und neben dem Bus. Der Zaun scheint Löcher aufzuweisen. Von überall strömen Fans durch die undichten Stellen und schleichen sich an den Bus. „Herr Weidner, könnten Sie bitte…“
Also Leute, zwei Dinge sind ganz, ganz wichtig: 1. Niemals!!! Niemals, unter keinen Umständen, einen Satz mit „Herr Weidner“ beginnen oder ihn siezen. Sagt „Stephan“ und „Du“, ok? Und 2. Lauft nicht dauernd im T-shirt durch die Gegend. Wir haben Dezember! In Deutschland! Und ihr steht da und schlottert. Das sieht furchtbar aus. Seid ihr wahnsinnig? Zieht euch ´ne Jacke an.
Stephan und Henning schreiben hunderte von Autogrammen, halten für Fotos still, umarmen wildfremde Fans und beantworten jede Frage. Und das mit einer Engelsgeduld. Sehr cool.

Dass ich das noch erleben darf, wo Jingo de Lunch doch eine meiner Lieblingsbands war. Henning Menke in Halle © E. Hartsch
Irgendwann gegen halb 2 sind wir alle wieder in unserem Menschenaffen-Transportgehege. Einige Alphamännchen sitzen noch unten und trinken Wein, andere kriechen in ihre Höhlen. Ich liege in meiner Koje und schreibe. Ab und zu grunze ich. Ohrenstöpsel rein, Vorhang zu, Licht aus. „Pffft…“










