Tour 2012

09.11. - 08.12.2012

AUTOURNOMIE!

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Archive für the ‘Tourtagebuch’ Category

Halle Lujah…

09.12.2011

…ich lebe noch. Dank modernster Schlafmethoden und einer ausgeklügelten Liegetechnik, bin ich heute Morgen zwar geistig behindert, aber ansonsten fit, ausgeschlafen und beschwerdefrei. Bei klarem Himmel und Minusgraden rollen wir früh am Morgen auf den Hinterhof der Steintor-Venue. Der Bus – das riecht man sogar noch besser, wenn man kurz draußen war – hat ein strenges Wald- und Wiesenaroma. 14 ausgewachsene männliche Exemplare domestizierter Primaten auf engem Raum, hinterlassen eine Menge Duftstoffe. Da werden Kleinstreviere per Droh-Furz und Gebärden-Rülps markiert. Würde man ein hochempfindliches Mikro aufbauen, könnte man alle 3-8 Minuten aus irgendeiner Koje ein leises, zufriedenes „Pffft…“ hören.

Wer wach ist, bleibt nicht länger im Bus, als er muss. Gegen 8 sind alle in der Halle in Halle. Mein Tag beginnt gemächlich – Dusche, Kaffee, Croissant (mit Nutella) – und nimmt dann langsam Fahrt auf. Schreiben, Fotos auswerten, E-mails beantworten, beständigen Skype Kontakt halten mit meinen Helfern im Hintergrund. Till erklärt mir per Ferndiagnose, was es mit „Twitter“ auf sich hat. Ehrlich? Echt? Das finden Leute gut? Ist das nicht ein wenig albern, dieses Gezwitscher? Gut, ich bin dem gegenüber aufgeschlossen – habe ja selber nicht viel mehr, als ein Spatzenhirn – aber ob sich´s wirklich lohnt? Ich pflanze ein Probe-Posting ins Netz und warte ab, was passiert. Nix passiert. Ich checke Stephans Facebook Page und sehe ein Foto von einem Fan und mir, was noch keine 5 Minuten alt ist und soeben draußen vor der Halle geschossen wurde, als ich von der Apotheke kam und in einen Hinterhalt geraten war. Außerdem wollen wir heute unsere lebhaft diskutierte QR–Aktion durchführen. Dazu bedarf es einer aufwendigen Vorbereitung. Obendrein muss die Band mal schnell 100 DVDs signieren, was sie auch tut. Ohne zu murren. Die Laune ist gut bis sehr gut.

Philip Eschenbach © E. Hartsch

Philip Eschenbach © E. Hartsch



Gegen Mittag, ich freue mich gerade über die vielen positiven und netten Postings bezüglich meines Karlsruhe Berichtes, trifft Stephan und mich der Schlag. Unser Tourstart wird von einem tragischen Zwischenfall überschattet, als wir erfahren, dass eine unserer besten Freundinnen in Berlin bei einem Unfall schwer verletzt wurde. Wir beide sind unglaublich traurig darüber und wissen erst mal nicht weiter. Stephan muss ein paar Runden alleine über den Parkplatz laufen, um sich zu sammeln und ich glotze auf mein Laptop. Das kann es doch gar nicht geben. Das darf doch nicht sein. Je mehr ich darüber nachdenke, umso trauriger werde ich. Ich kann es einfach nicht fassen. Ich hoffe so sehr, dass sie wieder gesund wird. Für ein paar Stunden weiß ich nicht weiter…

Zwischen Ingrid Steeger, Kiss und Jogging Hosen Cindy. Dirk, JC, Stephan und Henning. Kurz vor Showstart. © E. Hartsch

Zwischen Ingrid Steeger, Kiss und Jogging Hosen Cindy. Dirk, JC, Stephan und Henning. Kurz vor Showstart. © E. Hartsch

Zum späten Nachmittag hin, nimmt die Hektik zu. Ich bin bemüht den Überblick nicht zu verlieren. Gästelisten müssen angelegt und abgeglichen werden. Teilnehmer einer Gewinnkation, von der ich bis vor drei Tagen noch nichts wusste, müssen in Empfang genommen, betreut und behutsam wieder ausgesetzt werden. Die Aktion mit dem QR Code fängt an, mir auf die Nerven zu gehen. Das Netz ist lahm und ich muss mich ständig neu einloggen, um Dinge auszuprobieren, zu laden, zu löschen und neu zu laden. Irgendwann machen David K. (in Essen) und ich (in Halle) einen ersten Test und siehe da: Es funktioniert nicht. Scheiße. Meine Laune ist miserabel. David rettet mir den Arsch, in dem er blitzschnell und effektiv „irgendetwas im Netz“ macht und so dafür sorgt, dass „es“ doch funktioniert. Ich bin gespannt. Kurz vor 5. Ich schaue auf mein extra für diesen Zweck eingerichtetes Mail Account und kann sehen, wann die Türen der Halle aufgehen, denn augenblicklich nach Einlass beginnen Smartphone Besitzer im Eingangsbereich den Code zu scannen und somit mein Account zu fluten. „Pling, Pling, Pling“. Die Mails tröpfeln jetzt im 10 Sekunden Takt. Innerhalb kürzester Zeit sind´s ca. 70 bis 90 Stck. Ich habe nicht soviel Zeit und muss mir nun langsam eine Auswahltechnik einfallen lassen. Das ist relativ einfach. Alle Mails sehen gleich aus, haben eine no-reply Adresse und „qr code“ in der Betreffzeile stehen. Ich klicke einfach 4 an und sage ihnen per SMS, dass sie gewonnen haben. Kurzer Hinweis: „Timo89“ nur, weil Du 8x hintereinander scannst erhöhen sich Deine Gewinnchancen nicht. Heute gebe ich 4 handsignierte DVD´s an vier Gewinner. An 2 von 4, denn die anderen 2 erscheinen nicht. Ich versuche die Leute anzurufen, aber sie haben ihr Handy nicht am Start. Noch nicht mal die Mailbox. Das ist natürlich die hohe Schule. Erst scannen, dann das Handy ausschalten. Herzlichen Glückwunsch „Sascha“!

Was die Nicht-Smartphone-Besitzer angeht, kann ich mich nicht so lange aufhalten. Ich gehe in die Halle und spreche Leute an: „Zeig mir mal Dein Telefon! Wow, was für eine alte Gurke, genauso wie meins. Hier haste ´ne DVD!“ Das war das. Was kommt als nächstes?

JC bei den Proben in Karlsruhe © E. Hartsch

JC bei den Proben in Karlsruhe © E. Hartsch

Stephan bekommt Besuch von Nick und Alex, Bassist und Gitarrist der Scarlets. Die beiden sind komplett euphorisch. Zum ersten Mal in Deutschland, keine Mark in der Tasche und in viel zu dünnen Klamotten für die Temperaturen. Zwei Pilgerer aus dem fernen Australien, die nicht glauben können, dass sie mit dem Weidner an einem Tisch sitzen. Ist für die wie eine Papstaudienz. Außerdem gibt Stephan dem Internet Portal punkrocknews.de noch ein langes und ausgiebiges Interview. Geht mal in den nächsten Tagen auf die Seite und schaut´s euch an.

Der W. ist eine Band © E. Hartsch

Der W. ist eine Band © E. Hartsch

Das Publikum heute Abend ist sehr jung. Eine Menge Onkelzshirts. Die Chöre gehen schon lange vor der Show los. Besonders gut gefällt mir: „Steeeeephan Weidna – unseinebänd!“ Aber zunächst rocken Eschenbach ihr Tourdebüt und machen das – ich habe die bisher noch nicht live gesehen – erstaunlich routiniert. Ein gesunder Mix aus ihren beiden von Stephan produzierten Alben. Wer die 5 noch nicht gesehen hat, kann sich auf eine steife Brise einstellen. Die blasen die Halle anständig durch, bevor es weitergeht.

Was den W, den Henning, JC und den Dirk angeht, wird sich die Setlist ja sicher schon rumgesprochen haben. Kein Grund also, das Teil noch länger zu verheimlichen. So sieht´s aus:

Leinen los

Ihr habt Recht

Stille Tage im Klischee

Heiss

Geschichtenhasser

Gedanken können lernen

Stürmische See

Gewinnen kann jeder

Bitte töte mich

Urlaub mit Stalin

Machsmaulauf

Es scheint als sei

Liebensbrief

Schatten

Nein, Nein, Nein

Du kannst es

Schlag mich

An die, die wartet

Was ist denn hier nicht los

Der W. Zwo Drei

Ein Lied für meinen Sohn

Mein bester Feind

Junges Publikum in Halle © E. Hartsch

Junges Publikum in Halle © E. Hartsch

Wie oft nach einem ersten Gig, ist Stephan nach der Show nicht so richtig mit sich zufrieden, weiß aber auch, dass sich das spätestens nach der zweiten Show ausbügelt. Außerdem betrachtet er sich verschwitzt und halb nackt im Spiegel und entscheidet, dass er sich jetzt doch ein Sixpack implantieren lassen möchte. Koste es was es wolle. Von hier nach Magdeburg ist es nicht weit. Man lässt sich Zeit. Wir vertrödeln den Rest des Abends in und vor der Halle, im und neben dem Bus. Der Zaun scheint Löcher aufzuweisen. Von überall strömen Fans durch die undichten Stellen und schleichen sich an den Bus. „Herr Weidner, könnten Sie bitte…“

Also Leute, zwei Dinge sind ganz, ganz wichtig: 1. Niemals!!! Niemals, unter keinen Umständen, einen Satz mit „Herr Weidner“ beginnen oder ihn siezen. Sagt „Stephan“ und „Du“, ok? Und 2. Lauft nicht dauernd im T-shirt durch die Gegend. Wir haben Dezember! In Deutschland! Und ihr steht da und schlottert. Das sieht furchtbar aus. Seid ihr wahnsinnig? Zieht euch ´ne Jacke an.

Stephan und Henning schreiben hunderte von Autogrammen, halten für Fotos still, umarmen wildfremde Fans und beantworten jede Frage. Und das mit einer Engelsgeduld. Sehr cool.

Dirk eingenebelt © E. Hartsch

Dirk eingenebelt © E. Hartsch

Dass ich das noch erleben darf, wo Jingo de Lunch doch eine meiner Lieblingsbands war. Henning Menke in Halle © E. Hartsch

Dass ich das noch erleben darf, wo Jingo de Lunch doch eine meiner Lieblingsbands war. Henning Menke in Halle © E. Hartsch

Der W. in Karlsruhe bei den Proben © E. Hartsch

Der W. in Karlsruhe bei den Proben © E. Hartsch

Ich stehe ja auf solche Motive. Fanfinger in Halle © E. Hartsch

Ich stehe ja auf solche Motive. Fanfinger in Halle © E. Hartsch

Irgendwann gegen halb 2 sind wir alle wieder in unserem Menschenaffen-Transportgehege. Einige Alphamännchen sitzen noch unten und trinken Wein, andere kriechen in ihre Höhlen. Ich liege in meiner Koje und schreibe. Ab und zu grunze ich. Ohrenstöpsel rein, Vorhang zu, Licht aus. „Pffft…“

18.04.2011 – Göttingen, Stadthalle

21.04.2011

Liebe Freunde, das wars! Nach 28 Shows und fünf Wochen ist die “Autournomie” also nun auch wieder Geschichte. Manche sagen “schon?”, andere “also nach ner Woche Pause könnte es wieder los gehen”, quasi alle, mit denen man am Montag in Göttingen gesprochen hat, haben aber mindestens ein weinendes Auge im Gepäck, als es dann am frühen Dienstag Morgen gen Heimat ging. Da war die Rede von “entspannte Konstellation”, “könnte bei diesen Bedingungen ewig weiter machen” und “so eine coole Tour bin ich noch nie gefahren”. Und das waren nur die Stimmen aus der Crew und von den Musikern. Was ihr über die Shows gedacht habt, ist ja schon ausreichend in den Kommentaren und diversen Foren dokumentiert. Aber dies soll erstmal – der Chronistenpflicht entsprechend – eine Göttingen-Nachbetrachtung werden, keine Toureinordnung, deshalb fühle auch ich mich nochmal dem “Geist von Göttingen” verpflichtet, der da sagte: Wir bringen die Tour auf dem hohen Niveau der letzten Tage ins Ziel und verzichten auf zusätzliches, künstliches Brimborium, nur weil es das letzte Konzert ist. Denn – auch wenn es abgedroschen klingen mag – jedes Konzert wurde mit der Intensität gespielt, als wäre es das letzte Konzert für Jahre. Alles, was darauf gesattelt worden wäre, wäre nicht mehr Rock´n´Roll, sondern eine Inszenierung gewesen. Deshalb: Keine Tricks, kein doppelter Boden – aber gnadenlos intensive knapp zwei Stunden.

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16.04.2011 – München, Tonhalle

18.04.2011

München ist ESCHENBACH-Land und deshalb geht es heute ganz bodenständig mit Philip und Co. los. Drummer Nils (der übrigens auch auf www.eschenbach-band.com ein überaus unterhaltsames Tourtagebuch schreibt) musste nachmittags noch eine Rutsche neue Sticks besorgen, um vor der eigenen Hausmacht kraftvoll zuhauen zu können, nachdem er am Vorabend in Oberhausen eine komplette Serie zerhackt hatte. Dazu versammelte die Band nicht nur lokale Prominenz und Freunde in ihrem Tross, sondern hatte in Oberhausen kurzerhand noch Henning Heup, den Regisseur unserer letzten Tour-DVD eingepackt, der auch 2011 ein immer gern gesehener Gast ist. Reichlich Auftrieb also, den die Herren Musiker einfach in positive Energie umsetzten. Die Band wächst mit jedem Gig mehr zusammen, die Interaktion zwischen Band und Publikum wird von Show zu Show besser und ihr könnt euch jetzt schon mal auf die kommenden Headliner-Shows freuen, die es möglicherweise noch in diesem Jahr zur neuen Platte zu bestaunen geben wird. ESCHENBACH haben den Supportslot also bestmöglich für sich genutzt – und, davon zeugen auf jeden Fall die ausverkauften CDs am Merchstand, haben euch ebenfalls so sehr zugesagt wie uns. Dass die Jungs auch menschlich genau so viel in die Tour mitgebracht haben, wie ihre Vorgänger von Motorjesus, war uns ja allen schon lange klar.

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15.04.2011 – Oberhausen, Turbinenhalle

16.04.2011

Jetzt wo die Messe fast gelesen ist, kann ichs ja sagen. Ich muss gestehen, dass mein erster Gedanke, nachdem die Kisten nach der Generalprobe in Karlsruhe vor nunmehr etwas mehr als einem Monat verstaut waren, dieser war: “Okay, das wars.” Ich war mir sicher, dass den Leuten beim zwar überaus geschmackvollen, aber eben auch leicht sperrigen “Autonomie des Ichs” die Füße einschlafen würden, dass der Akustikblock zwar eine sexy Idee ist, aber auch jede Dynamik aus dem Set zieht und die Bühne zwar ein netter neuer Ansatz war, aber eben auch recht eng. Die Anzahl der “zwars” war einfach exorbitant und definitiv im roten Bereich und da war noch nichtmal die Performanceebene eingerechnet, die ja in dieser neuen Konstellation auch noch eine Menge Fehlerpotenzial barg. Kurz: Ich erwartete eine 28 Shows währende Hängepartie. Und heute? 36 Tage später und nach absolvierten 26 Konzerten muss ich – noch euphorisiert vom großartigen Konzert gestern in der Turbinenhalle – Abbitte leisten. Denn alles, was mit dem wenig schmückenden “Zwar”-Label beklebt war, ist doch aufgegangen und das hat dann wieder ganz viel mit der Energie zu tun, die nur entsteht, wenn man die Produktion aus dem Probeumfeld in die Livesituation überführt. Ich meine die Energie, die im Zusammenspiel zwischen euch und der Band entsteht. Ich habe keine Ahnung von Physik, aber ich glaube, Wechselstrom funktioniert nach dem gleichen Prinzip. Wikipedia meldet zum Thema was von “positiven und negativen Augenblickswerten” und “Strom, der seine Richtung in regelmäßiger Wiederholung ändert”. Und das trifft doch den Nagel auf den Kopf: In guten Momenten kommt die Energie von der Bühne, wenn dort Ruhe einkehrt kommt sie wieder zurück. Ein einziges Energie-Hinundher und irgendwo mittendrin steht der Chronist und schallt sich selbst immer wieder einen Narr (eine Wendung, noch sperriger als “Autonomie des Ichs”), weil er zweifelte. Also: Sorry Band, sorry Besucher, sorry Produktion – ich war ein Ungläubiger und bin nun bekehrt. Kein böses Wort mehr von mir nach den Shows, keine Kritik, kein “Bleib mal auf dem Teppich” mehr. Ich lass euch einfach machen… Ich schiebe das jetzt schonmal hoch, damit ihr hier schonmal die gestrige Show, die zweifellos unter den Top3, mindestens aber den Top5 landen wird, abfeiern könnt. Ich Kürze wird nochmal ein riesiger Berg Text aus der Feder von Dennis Diel kommen, der euch dann mit dem versorgt, was wirklich passiert ist. Bleibt dran – gleich mehr auf diesem Kanal!

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14.04.2011 – Braunschweig, Börnekenhalle

15.04.2011

Da hätten wir es mal wieder: Erwarte nichts, dann bekommst du alles. Denn nachdem eigentlich den ganzen Tag alles auf einen echt miesen Abend hinsteuerte, hat das Endergebnis dann alle Beteiligten (inklusive Stephan) aus den Socken gehauen. Dabei fing es wirklich schlecht an. Als wir an der Halle ankamen, kam uns die schon anwesende Hand-Crew (die Jungs, die mit viel Ausdauer dafür sorgen, dass das mit Ein- und Ausladen, Auf- und Abbau so ruck zuck geht) entgegen mit dem entgeisterten Hinweis, dass noch gar keine Bühne in der Halle steht. Aber ohne Bühne gibts keine Competition und ohne Strom, der aus dem Verteilerkasten neben der Halle noch in selbige geschafft werden musste, gleich noch weniger. Und so stand ein angespannter Thomas Hess um zehn – wo normalerweise die Hälfte der Mannschaft schon im Catering hockt, weil alles so weit spielfertig ist – nicht nur in einer leeren Halle, sondern auch kurz davor, wieder abzureisen. Das Produktionsbüro befand sich buchstäblich backstage im allerengsten Sinne und teilste sich seine 8 Quadratmeter mit der Eschenbach-Backline und einem Haufen Krach, der von der Bühne direkt rein tönte. Selten hat man den Mann an der Spitze der Produktion auf dieser Tour so angespannt und energisch erleben müssen, wie gestern. Offensichtlich wurden im Vorfeld getroffene Absprachen fehlinterpretiert oder einfach missachtet – und das sorgt produktionsseitig zurecht für schlechte Laune. Weil aber Jammern nicht hilft und sich eh schon die Idee “je größer die Widrigkeiten, desto besser wird die Show” breit machte, brachten die verschiedenen Gewerke ihre Anforderungen auf den Stand des Vorhandenen und mit einem halb ernsten, halb sarkastischen “Also entweder haben wir Licht oder Küche” ging es dann mit zwei Stunden Verspätung und nach einem Marathon mit den lokalen Vertretern mit der Produktion los. Stephan kämpfte derweil im Hotel – was noch keiner wusste – mit den fiesesten Auswüchsen seiner gesundheitlichen Probleme. Und ihr glaubt nicht, wie gut das alte Onkelz/Weidner-Fannetzwerk noch funktioniert, denn trotz Privatversicherung und eindringlicher Ermahnungen bekommt auch ein “W” nur dann einen kurzfristigen Termin, wenn er auf einen alten Fan trifft, der sich freut, ein altes Idol in der Praxis zu haben. Es liefen also zwei verheerende Parallelstränge mit 15 Kilometern Abstand nebeneinander her ins Unglück, um ein wenig pathetisch zu werden. Und als wäre die Situation nicht schon skurril genug gewesen, kam dann auch noch der Alterspräsident des benachbarten Schützenvereins angeradelt, um dringend darauf hinzuweisen, dass es eine Unverschämtheit sei, die Busse genau da zu parken, wo sie es taten und ob überhaupt der Bürgermeister Bescheid wüsste. Thomas Hess konterte mit einem lockeren “von dem haben wir die Halle gemietet” und die Gewissheit wurde beinahe greifbar, dass sich der Wasserstand im hess´schen Fass gaaaanz laaaangsam aber ganz, ganz sicher dem endgültigen Überlaufen näherte. Noch eine Kleinigkeit, dann würde hier jemand sehr, sehr ernsten Schaden nehmen – körperlich oder mental. Wie gesagt, es sprach lange nicht viel dafür, dass “Braunschweig” die – zumindest bandseitig – möglicherweise unterhaltsamste Show der bisherigen Tour würde geliefert bekommen.

Noch während des Soundchecks war Stephan merklich angespannt und falls es wieder einen harten Kampf auf der Bühne geben würde, so würde er ihn – zwar nicht kampflos, aber doch – verlieren. So kündigte er es zumindest an. Inzwischen war er aber schon wieder neu medikamentiert, von Spritzen durchlöchert und auf zwei verschiedene Antibiotika eingestellt. Für die letzten vier Shows brauchte es nochmal die volle Keule, für Homöopathie ist angesichts eines verbleibenden Off-Days keine Zeit mehr, sorry. Also war die Devise mal wieder “Daumendrücken, Augen zu, Durchhalten”. Und dann um kurz nach neun war es so, als ob sich tief in ihm etwas löste. Ja, beinahe so, als ob ein Knoten platzen würde… Er sagte nicht “Nein, nein, nein” sondern schickte direkt nach dem gewohnten Opener “Was ist denn hier nicht los” erstmal eine Ansage ins Rund, die zwar nett gemeint war und in der er “Braunschweig” zum Aufstieg gratulierte. Dabei hat das kleine Lehre, wo die Börnekenhalle steht – so haben wir erst abends gelernt – mit Braunschweig ungefähr so viel zu tun wie Kaiserslautern mit Frankfurt und gehört wenn schon wohl eher nach Wolfsburg verortet. Aber sei es drum, die Zielgruppe hats gefressen und der Schuppen war denn auch mit 1400 Leuten bis unters Dach gefüllt. Das zu anstrengende “Mamas kleines Monster” wurde zur Sicherheit mal raus gelassen, um gleich in einen Flow zu kommen und wenn das gelingt und man einen entspannten Weidner auf der Bühne hat, der befreit aufsingt, dann ist vieles möglich. Dann darf zum Beispiel mal das vorlaute Publikum die Songs ansagen, dann gibt es auch mal einen skurrilen Texthänger oder die möglicherweise intensivste Interaktion mit dem Publikum, die wir bisher erlebt haben. Manche schoben es auf den Medikamentenmix, in Wahrheit war es aber wohl eher die freudige Erkenntnis nach den ersten ein, zwei Songs, dass es heute keinerlei Probleme geben würde. Man kann sich wohl vorstellen, was das für einen Endorphinausstoß für einen Sänger, auf den sich alle Augen richten, bedeutet. Und so wurde dann doch noch alles mehr als gut, an diesem so stotternd begonnenen Donnerstag in Lehrte bei Braunschweig bei Wolfsburg! Nach einem abermaligen Rekordabbau und dem Verzicht auf die obligatorische Abschlussdusche machte die Produktion anschließend auf dem Absatz kehrt, sprang in die Busse und war ruckzuck in die Nacht verschwunden…

12.04.2011 – Karlsruhe, Schwarzwaldhalle

14.04.2011

Regen in Karlsruhe. Regen? Das kannten wir auf dieser Tour noch gar nicht, waren wir doch seit mittlerweile einem Monat mit – ganz poetisch – der Sonne im Rücken und der Sonne im Herzen unterwegs. Auch, wenn durch Stephans leichte Malaise in den letzten Tagen ein paar kleine, symbolische Wölkchen aufgezogen sind. Aber auch das gehört zu so einer Tour genau so dazu, wie gutgelaunte Crew, euphorische Fans und logistische Probleme. Rock’n'Roll ist keine Vergnügungsfahrt und ein bisschen Kampf gehört dazu. Und so stand auch Karlsruhe vor der Show erstmal unter dem unsicheren Motto “Durchkommen”, immerhin ist auch die Schwarzwaldhalle mit viel Glas und ihrer rund gehaltenen Architektur bei Crews und besonders den Tontechnikern gefürchtet. Wir fassen also zusammen: Scheisswetter, problematische Halle, angeschlagener Künstler. Wie sollte das denn werden? Das Wetter ist geschenkt, wir sind keine Schönwetterproduktion. Nur für die diesmal schon recht früh angereisten Fans war das nicht so gemütlich, wie in den letzten Tagen. Nunja, gehört dazu, ne? Durch diejenigen, die unserer Einladung nach dem abgekürzten Kempten-Set gefolgt waren, füllten rund 2500 Leute das sprichwörtliche Rund und dadurch hatte sich die Sache mit der Akustik auch schon wieder relativiert. Und was machte unser Künstler? Der rührte sich tapfer seinen verordneten Medikamentencocktail an und orderte für die Show statt Wasser und Bier lieber ein Gläschen Whiskey. Medikation für Rocker, nicht verschreibungspflichtig und die Kassen steuern auch nichts bei. Aber dafür ist es wirkungsvoller als so vieles, was die Schulmedizin hergibt. Und es hat auch in Karlsruhe funktioniert, denn Stephan sang wieder viel befreiter und lockerer auf als noch am Vorabend und diese Entspannung schlägt sich dann auch immer sofort auf der Performanceebene nieder. Denn Stephan ist nach wie vor selbst sein größter Kritiker und wenn äußere oder innere Umstände schon von vornherein auf die Stimmung drücken, wird es gleich doppelt so anstrengend. In Karlsruhe hatten die Anwesenden einen lockeren W vor sich und das wurde sofort mit viel Beifall und Zwischenrufen goutiert. Das spannendste für mich, der die Show jetzt 25 Mal gesehen hat, war der massive Exodus vor dem Akustikteil in Richtung Klo und Theke. Durch die Architektur mit den seitlichen Auslässen war besonders schön zu beobachten, wie das faire Angebot mit dem Akustikset von den Stromgitarrenfanatikern angenommen wurde.

Für den objektiven Teil aus anderer Perspektive hole ich mir wieder ein bisschen Hilfe und euch Abwechslung und bedanke mich mal wieder bei Michael Bartl, der seine Beobachtungen für euch zusammen getragen hat.

” Heute stand also Karlsruhe auf dem Terminkalender und somit auch ein Wechsel der Dialekte. Weg von der Bergwelt der Österreicher, Schweizer und Allgäuer ins Badische. Das Wetter begrüßte nasskalt und windig. Beim Treffen mit Till vor der Halle gab es erst mal ein Donnergrollen, was allerdings nichts mit ihm zu tun hatte und auch kein Showeffekt war, sondern dem Wetter zuzuschreiben ist. Also nichts wie rein in die sehr noble und geräumige Halle. Dort ist man sicherlich normalerweise eher ruhigere Veranstaltungen gewohnt, das hausinterne Personal ist chic gekleidet und es gibt sogar eine Art Aufseher, der im Jackett durch die Flure streicht, dazu die Weidner`sche Fancrowd, das ist ein interessantes und durchaus auch amüsantes Bild!
Aber selbstverständlich gab es auch hier wieder keinen Grund zu Sorge, alle waren anständig und bei Verpflegung und Merchandise fand man ordentliche Warteschlangen vor, ganz so wie sich das gehört.
Einlass war schon etwas früher und auch Eschenbach rockten dann schon vor acht Uhr los. Die Jungs wachsen mit jedem Gig und spielen sich immer besser ein, wobei alle Bandmitglieder in gutem Kontakt zum Publikum stehen und es dadurch schnell schaffen, die anfangs noch etwas ruhigeren Zuschauer zu animieren und viel Support zu ernten. Die Bühne in der Schwarzwaldhalle ist sehr breit und bietet enorm viel Bewegungsfreiheit, die von Richie auch genutzt wird, der sehr  viel unterwegs ist und so deutlich intensiver seinen Gesang unter der die Leute bringen kann. Das macht Lust auf mehr und waren es zu Beginn noch „Weidner“- Sprechchöre in den Songpausen, so werden es zum Ende des Sets schon „Eschenbach“-Rufe und nach der gemeinsamen Verbeugung, werden Zugaben gefordert.
Das ist natürlich zeitlich nicht drin, aber es ist schön zu sehen, dass ein Supportact gut ankommt und die Jungs haben auch sichtlich Spaß auf der Tour, was Philipp mit einer sehr sympathischen Ansage auch noch einmal unterstreicht! Sehr schön!
Kurz vor neun startet dann Der W und es ist schön ihn motiviert und mit viel Energie auf der Bühne zu sehen. Tags zuvor in Kempten hatte seine Bronchitis sich ja schon lautstark zu Wort gemeldet und Stephan musste schwer kämpfen um für den Abend einsatzklar zu werden.  Aber Weidner wäre nicht Weidner, wenn er nicht alles daran setzen würde, diesen Gig zu spielen und auch seine Fans nicht zu enttäuschen. In diesem Rahmen stand dann auch die Aktion, jedem Ticketbesitzer aus Kempten auch in Karlsruhe noch einmal die Möglichkeit zu geben, das Konzert zu verfolgen, das ist echte Wertschätzung zwischen Fan und Künstler und so wurde Stephan während des Konzerts sehr gut von den Karlsruhern beim Singen unterstützt. Auf die Ansage zu „Gewinnen kann jeder“ gab es dann heftige Zuschauerreaktionen, die Karlsruher scheinen wirklich echte und leidenschaftliche Fußballfans zu sein und fiebern und leiden mit ihrem Verein, der ja bekanntermaßen nicht gerade durch gute Fußballzeiten geht. Stephan solidarisiert sich aber sofort mit den Leidenden und so kam gute Stimmung auf bei dem Song. Insgesamt gab es dann auch für die Besucher der Schwarzwaldhalle das komplette Rund-um-Sorglos-Paket, inkl. ruhigem Mittelpart, der ja gerade bei „Sterne“ stimmlich mehr als anstrengend ist, aber mit Yen und ihrer Powerstimme an der Seite entstand trotzdem eine schöne Stimmung. Das Set wurde lediglich gekürzt um „Heiss“ aus dem Zugabenblock, weil nach 100 Minuten Rock`n`Roll mit Schnupfen, Husten, Heiserkeit wirklich gar nichts mehr ging und nur noch „Passt gut auf Euch auf“ hinterher geschickt wurde, bei dem es zu einem echt lustigen Show-Gimmick kam. Stephan filmt bei den Solo-Einlagen der Bandkollegen ja immer mit den einzelnen Kameras direkt auf den Musiker, bei JC´s Drummmassaker kam dann „The Animal“ auf den Screen, der Drummer aus der Muppetsshow, von der Wildheit hat das schon einiges an Ähnlichkeiten!

Have a look at und vergleicht mit dem natürlich deutlich charismatischer Original aus der Band!
Für eine Show mit erkranktem Frontmann war das mehr als ordentlich und alle waren  froh, dass das Konzert so über die Bühne gehen konnte. Hier sei auch nochmal allen Fans gedankt, die Stephan angefeuert haben und viel Verständnis gezeigt haben! Hut ab!”

11.04.2011 – Kempten, BigBox

12.04.2011

Da ist es passiert: Stephan hat den Frosch in seinem Hals, der sich dort nun schon seit einigen Tagen eingenistet hat, während des Konzerts nicht mehr vertreiben können. Die Folge waren nicht nur Hustanfälle an der Grenze zum Chronischen, eine unangenehme Kurzatmigkeit, sondern vor allen Dingen traurigerweise auch dadurch bedingt einen wahren Höllenritt auf offener Bühne für den Sänger. Die Konsequenz: Das reguläre Set wurde von einem eigentlich – der allgemeinen Meinung folgend – ziemlich gut rüberkommenden Stephan mit Hilfe der Kollegen und des Publikums gnadenlos durchgezogen, der Zugabenblock bestand dann leider nur noch aus “Pass gut auf dich auf”. Nach gut 90 Minuten war diesmal also zehn Minuten früher Schluss und ein niedergeschlagener Stephan musste sich emotional eine halbe Ewigkeit zu früh von seinem dankbaren und sensiblen Kemptener Publikum verabschieden.

Dabei hatte der Tag so gut angefangen. Stephan hatte nachmittags zwar schon ein bisschen Probleme mit der Atmung und dem Hals, aber das war eigentlich ja auch nichts neues. Deshalb scherzte er mit den schon bei wunderbarem Frühlingswetter anwesenden Fans, schrieb Autogramme und “beschwerte” sich bei der Tourleitung über einen fehlenden Outdoor-Backstagebereich und wo denn überhaupt die Biertischgarnituren wären. Die Produktion mochte die Halle, ich mochte die Stadt und das Wetter erst… Ein rundherum schöner Apriltag, der erst dadurch getrübt wurde, dass ich zwei Gewinnerinnen einer Backstageführung empfangen wollte, die dann aber nicht gekommen sind. Demütigend… Der Hype ist anscheinend so was von vorbei! ;-) Aber dann…

Für Stephan war das Konzert – nach eigener Aussage – ein einziger langer Kampf, der kein Ende zu finden schien. Verschlimmert wurde das Gefühl noch dadurch, dass in Kempten mal wieder ein recht handverlesenes, aber dafür gleich umso sympathischeres Publikum am Start war, dem er eigentlich nach alter Tradition gerne mehr als alles geboten hätte. Es muss sich für ihn angefühlt haben, wie ein Formel 1-Wagen im Leerlauf: Man hat die Power, will Gas geben ohne Ende und wenn man das Pedal drückt läuft alles ins Leere. Zumindest war so Stephans Eindruck, der allerdings für ihn von beinahe niemandem geteilt wurde. Thomas Hess sprach mal wieder von einem der geilsten Gigs der Tour, eure Reaktionen in Blogs und Foren deuten darauf hin, dass ihr die Show genossen habt und auch ich hatte eigentlich von außen nicht das Gefühl, dass es besonders schlecht gelaufen wäre. Hätte sich Stephan also nicht ständig auf der Bühne für die fehlende Energie entschuldigt, es wäre am Ende wohl niemandem aufgefallen, dass es so übel um den Sänger der W-Band stand, dass er schon zur Hälfte der Konzerts angekündigt hat, dass er kurz davor sei, aufhören zu müssen. Aber Stephan wäre nicht er selbst, wenn er euch etwas vorgespielt und statt totale Offenheit walten zu lassen sich lieber irgendwie durchs Set gemogelt hätte – hoffend, dass es schon niemandem auffallen würde. Das ist übrigens auch eine Form von Fannähe, die ein großes Vertrauen in die Sensibilität seines Publikums voraussetzt – und natürlich auch große Hoffnung in das über die Jahre gewachsene Verhältnis zwischen Musiker und den Menschen vor der Bühne setzt, die weit mehr sind als bloße Konsumenten. Die “Stephan Weidner” und “Wir helfen dir”-Chöre nach dem Abbruch vom “Geschichtenhasser” zeigten dann auch mehr als deutlich, dass das alles so gerechtfertigt war. Wir sitzen doch auch tatsächlich alle im selben Boot.

Heute war Stephan in Karlsruhe schon beim Doc, der ihm eine Blitzbehandlung für den kurzfristigen Erfolg verpasst und gleich noch ein ganzes Arsenal an helfenden Mittelchen eingepackt hat, das einen eigenen Tour-Toxikologen rechtfertigen würde. Inzwischen ist er wieder ganz frohen Mutes und freut sich darauf, heute Abend wieder mal aufs Gaspedal zu tippen und dann auch hoffentlich langsam hoch schalten zu können. The show will go on und ihr dürft euch gerne auf einen Weidner freuen, der euch anständig bedienen wird. Band und Produktion hoffen derweil vereint, dass wir möglichst viele Kemptener heute nochmal begrüßen dürfen, damit sie auch hinter “Heiß” und “Nein, nein, nein” ihren persönlichen Haken setzen können.

08./09.04.2011 – Pratteln, Z7

11.04.2011

“Oh, wie schön ist Panama” ist eine der populärsten Geschichten des Autors und Illustrators Janosch. Die Protagonisten Tiger und Bär finden darin eine Holzkiste mit der Aufschrift “Panama” und weil es in ihr so herrlich nach Bananen duftet und deshalb dort alles einfach größer und besser und herrlicher sein müsse, beschließen die beiden, sich zu Fuß auf den Weg in dieses Land ihrer Träume zu machen. Dass sie niemals ankommen und stattdessen so lange im Kreis laufen, bis sie schließlich wieder zuhause ankommen, macht die Einleitung und die herbeigelaberte Analogie zu unserer Story leider ein bisschen kaputt. Aber dennoch: Unser Panama heißt ab sofort Pratteln und liegt nicht in Mittelamerika, sondern am nördlichsten Ende der Schweiz – das Köpfchen ragt fast schon ein bisschen nach Deutschland rein, so nah liegt es an der Heimat. Und nein, was ist das nicht für ein herrliches Plätzchen, selbst wenn man es mal nicht ins traumhaft schöne Basel schafft, das sowas wie der prattelner Appendix ist und sich leicht unterhalb Prattelns an das Örtchen schmiegt. Was hat Pratteln uns nicht alles geboten? Eine Doppelshow, Bombenwetter, Barbecue, duftende Wiesen, Waschmaschinen, nette Fans und ein Spaßbad.

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07.04.2011 – Salzburg, Arena

10.04.2011

Österreich hat uns mit den drei Shows gleich mehrere Rekorde beschert: Südlichster Punkt der Tour, kleinstes Konzert und jetzt auch noch die höchste Temperatur. Denn am Fuße schneebedeckter Berge streckte sich das Thermometer an der Halle bis zur 27 Grad-Marke. Leider kann man im Laufe eines normalen Produktionstages so etwas leider nicht genießen, denn entweder wird irgendwo irgendwas aufgebaut oder irgendwer hat irgendeine Frage oder die Halle ist schlicht und einfach zu weit weg von irgendwas. Und so blieben alle einfach drin und ließen das feine Wetter einfach verstreichen. Thomas ließ sich von einem Masseur durchkneten, JC, Dirk und Henning daddelten in der Bandumkleide auf ihren Instrumenten und/oder Rechnern rum und ließen sich von einem menschgewordenen Presslufthammer-Specht in den Wahnsinn treiben und Stephan blieb einfach viel im Bus, plauderte mit den Bottlebuam, die sich auf der Tour prima eingeführt haben, oder bereitete sich konzentriert wie immer auf den Gig vor. Routine auf hohem Niveau, durchbrochen einzig durch den schon am Vortag gefassten Entschluss, die Setlist marginal zu verändern.

Und so hat das Salzburger Publikum nicht nur eine bestens aufgelegte Band, sondern auch eine echte Weltpremiere erlebt. Mit “An die die wartet” (intern nur “An Didi” genannt) ist erstmals einer eurer Favoriten der “Was ist denn hier nicht los”-EP ins Set gerückt. Weichen musste dafür das – vor allem für Dirks Stimmbänder – anstrengendere “Bitte töte mich”. Eine kleine Maßnahme der Schonung also angesichts des mit fünf Shows in Folge anstrengendsten Abschnitt der Tour. Und die Masse wusste das zu schätzen und feierte die W-Band nach ein bisschen anfänglicher Anfeuerung genau so ab, wie am wunderbaren Vorabend in Graz. Es ist aber auch eine komfortable Situation gewesen für den Zeremonienmeister, denn mit Graz hatte er das Blatt in der Hand, mit dem er auch die Salzburger locken konnte. Zwei ekstatische Jungfans übertrieben es allerdings ein bisschen und schleuderten ihre Shirts vor lauter Begeisterung so vehement in Richtung Bühne, dass sie den Graben locker überflogen. Dummerweise landeten sie beide nicht im Niemandsland zwischen Drumkit und Backline, sondern jeweils direkt und formvollendet auf der weidnerschen Nase. Während der erste Einschlag beim Intro zu “Sterne” noch mit einem kurzen Stutzen und einem halb bösen, halb verwunderten Blick quittiert wurde, provozierte der zweite bei der Schlussansage für den Bruchteil einer Sekunde ernste – und ich meine wirklich unerfreuliche – Gefühlsregelungen, die früher möglicherweise schwere Konsequenzen gezeitigt hätte. Aber im Jahre 2011 wurde der Vorfall nur zur Prüfung für den “neuen Weidner”: ausgeglichen, kontrolliert, tiefenentspannt. Und so gab es für den Unhold nur eine launige Ansage. Aber der Hinweis an die restlichen Städte: Wenn ihr euch eurer Textilien entledigen wollt, tut dies doch einfach direkt am Merchstand. Da gibt’s dann auch den passenden schicken Ersatz. Okay? Nach der Show trieb Thomas Hess seine Crew wegen der langen Reise in die Schweiz und damit möglicherweise verbundenen Zoll-Schwierigkeiten in weiser Voraussicht zu einem neuen Laderekord an und mit Vereinten Kräften schlossen sich die Trucktüren schon um kurz nach Mitternacht. Ein Rekord für die Ewigkeit. Dass der gesamte Tross dann völlig unbehelligt in Weil am Rhein über die Grenze kam, davon konnte man nicht ausgehen. Vielleicht lag das auch an der großzügigen Bestückung von Trucks und Bussen mit Autogrammkarten. Man erzählt sich, dass manche Aufenthaltsräume in den Zollbaracken völlig mit Backschisch-Autogrammkarten zugepflastert sind. Uns bleibt jetzt nur noch, danke zu sagen. Danke Österreich für die Gastfreundschaft. Und danke an alle, die da waren. Ihr wirktet, als wärt ihr doppelt so viele gewesen.

07.04.2011 – Graz, Helmut-List-Halle

07.04.2011

Graz hat uns nicht nur den südlichsten Punkt der Tour, sondern auch zwei objektive Wahrheiten gebracht!

1.: Ungebügelte Hemden sind ein Showstopper!

2.: Qualität des Konzerts und Auslastung korrelieren doch nicht in einem so hohen Maße, wie wir dachten.

Der Vorverkauf für die Graz-Show lief, in aller Offenheit gesprochen, nicht gut und so bescherte uns der gestrige Abend nicht nur die weiteste Entfernung zur Homebase, sondern auch noch das kleinste Konzert der Tour. Dass es abends dann trotzdem unheimlich nett wurde, wollte noch zwei Minuten vor dem Konzert niemand glauben. Denn während der Saal noch “Mexico” rezitierte obschon die Band schon an der Bühne wartete, raunte Stephan noch ein “Na das fängt ja gut an” in die Runde und sprach damit das aus, was alle dachten. Denn trotz überragender Anstrengungen des lokalen Veranstalters waren schlicht, einfach und nicht zu beschönigen zu wenig Leute gekommen, als dass man hier wirtschaftlich vertretbar und emotional erfüllend ein Konzert hätte durchführen können.

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